Politische Preise – mit Uwe Fuhrmann

In den letzten Wochen wurden das Thema Preiskontrollen breit diskutiert. Es hat einen spannenden Vergleich zwischen einer historischen und der derzeitigen Situation gezogen. Über die preispolitischen Maßnahmen der Nachkriegszeit spreche ich mit Uwe Fuhrmann.

Uwe Fuhrmann ist promovierter Historiker und hat sich intensiv mit dem Entstehen der sozialen Marktwirschaft beschäftigt.

Hallo und herzlich willkommen zu den Wirtschaftsfragen. Mein Name ist Lukas Scholle und heute sprechen wir über das neulich aufkommende und heiß diskutierte Thema Preiskontrollen.

Uwe Fuhrmann: Zu dieser freien Marktwirtschaft gehörte natürlich auch die Idee, dass Angebot und Nachfrage sich immer ausgleichen, dass die Preise sich auspendeln und dass, wenn man alle Preise frei gibt, es automatisch passieren wird. In diesem Kontext sind diese Überlegungen dann zu sehen, das mit dem Preisrat dem Preisspiel und dem gesetzlichen Preistreiberei diese Idee gerettet werden könnte, obwohl ja gerade die Preise sehr stark stiegen und zwar so stark stiegen, dass sie soziale Unruhe auslöst.

Das war Uwe Fuhrmann. Er ist promovierter Historiker und widmete sich während seiner Promotion der Entstehung der sozialen Marktwirtschaft. Heutzutage sind die Preiskontrollen ein eher theoretisches Thema einer Volkswirtschaft, aber historisch gesehen sind sie gar nicht so theoretisch. In der deutschen Nachkriegszeit gab es nämlich einige politische Maßnahmen, die er uns genauer erklären wird. Vorher hole ich aber noch mal alle ab, die die Debatte um die Preiskontrollen verpasst haben.

Die Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Universität Massachusetts, Isabella Weber, hat einen Artikel im Guardian geschrieben, wo sie angesichts der derzeitig steigenden Inflation eine Ursache beschreibt, die in der Debatte oft untergeht. Es ist die Exklusion von Profiten. So sind zum Beispiel die Margen von nicht finanziellen US-Firmen auf dem Level angekommen wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals wie heute nutzen marktmächtige Unternehmen Angebotsseitige Knappheiten, um die Preise so zu erhöhen, dass auch die Marge wächst. In der amerikanischen Nachkriegszeit wurde debattiert, ob die Preiskontrollen aus dem Krieg erhalten bleiben sollen oder ob sie abgeschafft werden sollen. Prominente Fürsprecher gab es auf beiden Seiten der Debatte. Im Laufe der Jahre wurden die Preiskontrolle aber immer weiter abgebaut. Heute, so Isabella Weber, haben wir die Wahl zwischen explodierenden Margen mit Inflation als Folge oder maßgeschneiderter Kontrollen für sorgfältig ausgewählte Preise. Das würde Zeit verschaffen, um Flaschenhälse in der Realwirtschaft zu bewältigen und die monetäre Stabilität erhöhen, da der Druck auf die Zentralbanken sinken würde. Auf Webers Artikel hagelte es tonnenweise Kritik, teilweise auch deutlich unter der Gürtellinie.

Auf der anderen Seite haben viele prominente Ökonominnen und Ökonomen ihr zugestimmt. Die inhaltliche Debatte um das Thema war nicht nur ökonomisch spannend, sondern auch aus meiner Sicht, relativ einmalig, welche Debatte man mit einem Beitrag anstoßen kann. Tatsächlich hat die Bundesbank im Dezember in einer Pressemitteilung dasselbe Argument vertreten, wo es heißt, Unternehmen würden höhere Kosten aufgrund der Liefer- und Transport-Engpässe auf die Verbraucherinnen und Verbraucher überwälzen und zusätzlich bei starker Nachfrage die Gewinnmargen ausweiten. Vor dem Hintergrund, dass es solche Parallelen historisch als auch geografisch gibt, sehen wir uns jetzt die Preiskontrollen in der Nachkriegszeit Deutschland etwas genauer an. Dabei ist natürlich klar, dass Deutschland eine ganz andere gesamtwirtschaftliche Situation hatte als die USA zu dem Zeitpunkt nach dem Zweiten Weltkrieg.

Lieber Uwe, du hast dich intensiv mit den Preiskontrollen auseinandergesetzt. In Deutschland gab es in der Nachkriegszeit ein Auf und Ab an Preiskontrollen. Wie lief dieser Prozess ab?

Uwe Fuhrmann: Ja, wir können da grob von drei Phasen sprechen. Also die erste fängt nicht 1945 an, sondern 1939, als das NS-Regime Lohn-Stopp per Gesetz verfügte, um die Kriegswirtschaft einzustellen. Und der entsprechenden Gesetze sind dann von den Alliierten 1945 erst mal unbefristet verlängert worden. Die Folgen sind ja relativ bekannt, würde ich sagen. Also nach 1945 haben wir vor allem einen Schwarzmarkt, der Erinnerungsort ist immer wieder in den Debatten. Wir haben etwa die Hälfte der Sachen, kommt überhaupt nur in den legalen Handel. Wer einkaufen will, braucht nicht nur Reichsmark, die immer unwichtiger wird, sondern auch noch Bezugsscheine, die nach komplizierten Berechnungen an die Bevölkerung vergeben werden. Und das ist sozusagen die erste Phase. Die erste Phase endet dann mit dem 20. Juni 1948. Und der 20. Juni 1948 ist quasi der Moment, der in der Erinnerung immer eine sehr, sehr große Rolle spielt. Die Erzählung ist, dass Ludwig Erhard eigentlich fast alle Preise freigegeben hat und es danach zum Wirtschaftswunder kam. Das trifft so aber nicht zu, sondern Ludwig Erhard, was richtig ist er hat seit dem zweiten März, also seinem Amtsantritt als Wirtschaftsdirektor, das, was später Wirtschaftsminister war, hat er verfolgt eine freie Marktwirtschaft zu installieren, das hat er so gesagt, öffentlich und geschrieben. Und das wussten auch alle. Und für ihn war mit der freien Marktwirtschaft verbunden eine Preisfreigabe und die Idee, dass die Preise sich einpendeln würden mit Angebot und Nachfrage. Das hat er dann umgesetzt. Entgegen der Ratschläge aus seinem eigenen, aus seiner eigenen Behörde und aus seiner Verwaltung hat er auch wichtige Lebensmittelpreise und Haushaltswaren-Preise freigegeben. Und das hat zu enormen Preissteigerungen geführt, und zwar sehr, sehr schnellen Preissteigerungen, so dass die Leute sich nach der Währungsreform bestimmte Sachen nicht mehr leisten konnten, auch wenn sie jetzt in den Schaufenstern lagen. Und weil diese Hoffnung auf ein Pendeln sich nicht erfüllt hat und die Proteste immer stärker wurden, kam es dann zur Dritten Phase der Preiskontrollen, die etwas anders aussah. Also ich gehe noch mal ganz kurz einen Schritt zurück. Preissteigerungen. Also wir reden hier zuerst von 25, dann von 50 Prozent, dann bist du 150 Prozent bei Obst und Preissteigerung von sowieso schon hohen Preisen bei Eiern genauso, bis 500 Prozent und die Haushaltswaren waren auch für die meisten Leuten nicht erschwinglich. Also für die Normalverdiener und den sogenannte Jedermann. Und das lenkt dann jetzt immer noch mal wieder auf die dritte Phase. Da haben wir eine neue Art von Preiskontrollen und Preissenkung und was auf Druck der Proteste der Straßen und das nicht funktionieren. Angebot, Nachfrage, Prinzips dann quasi ergriffen worden ist. Und diese Phase wird im Prinzip dann oft übersehen, wenn man sich an die Zeit erinnern.

Da sind ja ganz schön ordentliche Preissteigerungen. In deinem Buch „Die Entstehung der sozialen Marktwirtschaft“, 1948 bzw. 1949 schreibst du vom Preis-Spiegel und vom Preisrat. Was hat es damit auf sich?

Uwe Fuhrmann: Diese beiden Maßnahmen Preisspiegel und Preisrat waren Teil eines Komplexes, was ich mir in meinem Buch angeguckt habe, der bis dahin ehrlich gesagt von der Geschichtswissenschaft noch nicht zur Kenntnis genommen worden ist. Und zwar von dem Versuch, Preise zu regulieren, die nach der Währungsreform durch die Decke geschossen sind. Um das zu komplettieren, müsste man auch sagen, es gab das Gesetz gegen Preistreiberei, das tatsächlich angewandt worden ist, mehrfach. Also bis zu 30000 Verfahren sind gelaufen in der Zeit. Aber am Prinzip haben die ganzen Programme eigentlich nichts geändert. Also konzeptuell und nachhaltig waren die alle nicht. Ich erkläre das ganz kurz, in welchem Kontext das steht. Ludwig Erhard hat ab dem 2. März 1948, wo er auf seinen Posten gekommen ist, immer ganz öffentlich gegenüber den Alliierten, gegenüber der Öffentlichkeit und in der Verwaltung gesagt, dass eine freie Marktwirtschaft anstrebt. Und zu dieser freien Marktwirtschaft gehörte natürlich auch die Idee, dass Angebot und Nachfrage sich immer ausgleichen, dass die Preise sich auspendeln und dass, wenn man alle Preise frei gibt, das automatisch passieren wird. In diesem Kontext sind diese Überlegungen dann zu sehen, dass mit dem Preisrat im Preisspiegel und dem Gesetz gegen Preistreiberei diese Idee gerettet werden könnte, obwohl ja gerade die Preise sehr stark stiegen, und zwar so stark stiegen, dass sie soziale Unruhe auslösten und und den Mangel offensichtlich machten und die Leute sich jetzt halt einfach das nicht mehr leisten konnten. Und wie das genau funktioniert hätte, das kann ich kurz an einem Beispiel sagen. Spiegel, das waren Listen von Preisen in einer bestimmten Höhe und diese Höhe wurde festgelegt von der Verwaltung von Ludwig Erhard, wie die ungefähr bei vernünftiger Kalkulation wahrscheinlich sein können sollten. So, so ungefähr. Und diese Listen sollten dann überall ausgehängt werden, so dass sie, die Konsumenten, frei entscheiden sollten, ob sie da jetzt kaufen oder nicht. Mit der Idee, mündige Konsumenten in einer freien Marktwirtschaft sorgen durch Boykott dafür oder durch Preis-Vermeidung oder durch Preisvergleich, dass sie beim billigsten einkaufen und dann die Preise senken. Das hat aber nicht funktioniert, und zwar aus mehreren Gründen. Zum einen wurde das sabotiert, quasi von den Leuten, die Sachen verkauft haben. Also die wurden nicht ausgehängt, die wurden zu klein ausgehängt. Aber diese Sabotage wäre überhaupt nicht nötig gewesen, weil nämlich die Leute einfach Grundbedürfnisse befriedigen mussten. Und wenn überall die Preise zu hoch sind, und zwar deutlich zu hoch. Also wir sprechen hier wirklich von enormen Preissteigerungen, dann kann man nicht zum mündigen Konsumenten werden. Wenn man darauf angewiesen ist, einen Kochtopf zu kaufen oder ein Apfel, dann kann man nicht sagen er ist mir zu teuer. Ich bin jetzt hier mündiger Konsument, ich lass das jetzt einfach. Und das heißt, dass diese Idee, die dahinterstand, mit diesem Preis werden sich schon einpendeln, wenn sie freigegeben worden sind, sich nach der Währungsreform quasi in dem ersten halben Jahr als falsch herausgestellt oder nicht funktionierend in einer Mangelwirtschaft.

Ich stelle es mir auch wirklich schwierig vor, die Preiskalkulation und Preisspiegel aktuell zu halten, wenn sie so schnell steigen. Der kalkulatorische Preis müssen ja dann auch stetig angepasst werden. Im Anschluss an diese Form von Preispolitik folgten Produktionsprogramme, die die Preise nicht mehr vorgaben, aber beeinflussen soll. Wie sahen diese Programme aus?

Uwe Fuhrmann: Die Produktionsprogramme, die waren im Grunde dann das Eingeständnis, dass diese Idee von freier Marktwirtschaft in einer Mangelsituation nicht funktioniert. Dass sich die Preise eben nicht einpendeln und der Markt nicht alles von alleine regelt. Und wie sahen jetzt diese Produktionsprogramme aus? Deswegen kann ich das so sagen. Also ich nehme beim wichtigsten raus, dass Jedermann-Programm und das StEG-Programm. Das Jedermann Programm teilte Rohstoffe an Firmen zu. Das heißt, wer an diesem Jedermann Programm beteiligt war als Unternehmen, hatte privilegierten Zugang zu Rohstoffen. Dafür musste man die Vorgaben der Verwaltung erfüllen, und zwar was die Art der Produkte anging und die Qualität und die Preise. Damit konnte also gelenkt werden, welche Produkte zu welchen Preisen auf den Markt kamen und auch in welchem Umfang. Das Programm war insofern auf zwei Ebenen erfolgreich, als dass die Unternehmen unbedingt daran teilnehmen, wollten wegen des Zugangs zu Rohstoffen und weil natürlich auch Profit versprochen wurde jenseits der vorgegebenen Preise. Nur ein bisschen weniger Profit und zwar auch erfolgreich von der Quantität her also hat einen sehr großen Umfang erreicht. Das zweite Programm nannte sich StEG-Programm, oder eigentlich waren es mehrere Programme, und zwar der staatlichen Erfassung der Gesellschaft für öffentliches Gut. StEG als Abkürzung, in dem alten Militär Güter verwertet worden sind, sowohl von der Wehrmacht als auch von der US-Army, und die wurden umgearbeitet für den zivilen Bedarf. Und da ist es ganz, ganz spannend, weil man da dort sehen kann. Da gab es zwei Strategien, aufeinander folgende damit umzugehen Die erste Strategie war so eine Art Markt-Flutung. Das heißt, ab August wurden diese Güter in den Markt eingespeist, aber zuerst an Zwischenhändler verkauft und dann Unternehmen, die das dann wiederum weiterverkauft haben. Die Idee war übrigens so viele von diesen Gütern auf den Markt, dass das den Preis automatisch runterzieht. Das passierte aber nicht, weil diese allgemeine Mangelsituation dazu führte und dieses hohe Preisniveau, das sich natürlich ganz rational diese Unternehmen dazu entschieden, die Preise ganz hoch anzusetzen. Und dann glichen sich die niedrigen Preise der StEG-Waren während des Handels nach oben hin an und waren dann auch teuer und unerschwinglich. Dann wurde der Strategiewechsel vorgenommen. Aus der Verwaltung heraus gab es dann Vorschriften, wie viel Prozent Profit der Zwischenhändler machen durfte und wie hoch die Preise dann insgesamt quasi faktisch am Ende sein könnten. Das war dann das Ergebnis. Und dann lösten diese Strickwaren zusammen mit dem Jedermann Programm Preise nach unten aus, so dass dann auch die frei gehandelten, frei produzierten Waren sich nach unten im Preis angleichen. Und das waren keine symbolischen Programme. Also das ist wichtig zu betonen, könnte man ja meinen, sondern im Textil-Sektor, das war einer der wichtigsten Mangel-Sektoren in der Zeit 1948, zweites Halbjahr, da waren, zu Beginn 1949 redet man davon, dass bis zu 90 Prozent aller verkauften Waren im Textil-Sektor tatsächlich in einem dieser Programme hergestellt worden und verkauft worden sind.

Das ist wirklich spannend. Ein Staat, der als Großabnehmer von Rohstoffen auftritt und mit dem Weiterverkauf Preise Auflagen verknüpft. Es zeigt sich, dass der Staat dann doch einige Möglichkeiten hat, um auf das Preisniveau einzuwirken. Hast du noch einen Punkt, den besonders betonen möchtest beim Thema Preiskontrollen?

Uwe Fuhrmann: Ja, Preiskontrollen ist wirklich ein großes Reizwort. Das konnte man erst kürzlich beobachten. Ausgehend von einem Artikel im britischen Guardian von Isabella Weber, die wirklich unter ganz vielen Bedingungen ganz differenziert vorgeschlagen hat, Preiskontrollen als Reaktion auf Inflation in den USA in Erwägung zu ziehen. Es ging wirklich darum, unter bestimmten Bedingungen darüber zu diskutieren, ob nicht Preiskontrollen in ausgewählten Sektoren sinnvoll sein könnten. Da gab es ganz viel prominente Unterstützung für, aber eben auch ganz viel prominente Kritik. Und diese Kritik war teilweise sehr, sehr polemisch, übertrieben polemisch. Also Paul Krugman musste sich anschließend für seine Wortwahl entschuldigen und in der SZ wird die Kompetenz von Isabella Weber versucht, klein zu reden. Und das lässt sich in vielen anderen Reaktionen darauf beobachten, so dass mein Eindruck ist, dass Preiskontrollen oder Preiskontrolle an sich ein Reizwort ist, was in den letzten vier Jahrzehnten neoliberaler Hegemonie wahrscheinlich nicht so aufgefallen ist und schon gar nicht so oft diskutiert worden ist. Ernsthaft. Und dass damit alte marktwirtschaftliche Gewissheiten in Frage gestellt werden.

Vielen Dank, lieber Uwe, für die spannenden historischen Einblicke. Mal sehen, wie sich die Debatte um die Preiskontrollen weiterentwickelt, ob es eine Diskussion mit US-Schwerpunkt weiterhin bleibt oder ob es vielleicht sogar konkrete Initiativen gibt. Denn solch eine Preispolitik kann ja nicht nur in Krisenzeiten relevant sein, um angebotsseitige Inflation zu vermeiden. Genau nicht im Krisenfall könnte es ja von staatlicher Seite relevant sein, strategische Reserven an Rohstoffen aufzubauen und diese im Krisenfall freizugeben. Falls sich diese Debatte weiterentwickelt und es konkrete Vorschläge gibt, werden wir sicherlich im Podcast noch mal darüber sprechen. Bis dahin könnt ihr den Podcast gerne abonnieren und bei Spotify und Apple Podcast bewerten, wenn euch gefallen hat. Bis zum nächsten Mal bei den Wirtschaftsfragen.

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