Inflationsirrsinn – mit Florian Kern

Monatlich geht ein Raunen durch Politik und Medien, wenn es die neuen Zahlen zu den Preissteigerungen gibt. Was die Zahlen bedeuten, warum sie weniger problematisch sind als man denken würde und welchen Einfluss die EZB darauf hat, sehen wir uns in dieser Folge genauer an.

Transkript: Interview mit Florian Kern

Hallo und herzlich willkommen zu den Wirtschaftsfragen. Mein Name ist Lukas Scholle und heute sprechen wir über das Thema Inflation. Monatlich geht ein Raunen durch Politik und Medien. Wenn es die neuen Zahlen zu den Preissteigerungen gibt, warum mit diesen Zahlen aber nur begrenzt Probleme einhergehen, sehen wir uns später etwas genauer an.

Florian Kern: Deswegen haben wir jetzt auch höhere Notenbank-Bilanzen. Nicht mehr den Effekt, den es früher gehabt hätte. Und die Leute, die denken irgendwie die Geldflut, die führe jetzt zu Inflation, die denken wahrscheinlich noch in dieser alten Logik, in der mehr Geld dann tatsächlich zu niedrigen Zinsen geführt hat.

Das war Florian Kern. Er ist Ökonom, hat bei der Bundesbank gearbeitet und ist Direktor des Dezernat Zukunft, wo er sich intensiv mit Fragen wie zum Beispiel der Inflation auseinandersetzt.

Von konservativer und wirtschaftsliberaler Seite wird derzeit monatlich vom Schreckgespenst der EZB erzählt. So solle sie die Anleihekäufe beenden und die Zinsen hochschrauben. Auf die Auswirkungen dieser Forderungen und den generellen Einfluss der EZB auf die Inflation wird Florian später genauer eingehen. Erst einmal müssen wir uns noch mal die Inflation etwas genauer ansehen. Eigentlich sollte man auch eher von Preissteigerungen sprechen, da einzelnen Güter im Preis besonders gestiegen sind. Grundsätzlich muss man aber zwischen der Angebots- und der Nachfrageseite unterscheiden. Daneben gibt es die sogenannten Sondereffekte, die zu beachten sind. Hierbei ist insbesondere die temporäre Mehrwertsteuersenkung im letzten Jahr wichtig. Sie führte im zweiten Halbjahr des letzten Jahres dazu, dass die Preise sinken und dann, am Ende des Jahres, wurden die Preise wieder erhöht und die Mehrwertsteuer obendrauf geschlagen. Daher macht die Mehrwertsteuersenkung gerade einen enormen Anteil aus, da der heutige Zeitpunkt mit einer hohen Mehrwertsteuer mit einem Zeitpunkt einer geringen Mehrwertsteuer verglichen wird. Daneben sollte man sich insbesondere die Faktoren für einzelne Branchen ansehen. Beim Energiesektor zum Beispiel ist der CO2-Preis entscheidend, der die Preise verteuert. Andererseits sind dort natürlich auch die Lieferanten entscheidend, wie zum Beispiel das OPEC-Kartell oder Putin. Die Energiepreise und die immer noch nicht rund laufenden Lieferketten führen zu hohen Preisen, zum Beispiel bei Nahrungsmitteln aufgrund der Transportwege und zu langen Lieferzeiten bei elektronischen Produkten. Letzteres hängt einerseits mit dem Transportweg und andererseits auch mit dem Produktionsort zusammen. Wenn ein Hafen oder ein Zulieferer-Produzent sich im Lockdown befindet, verkompliziert das die Produktion nach hinten raus natürlich.

Wir haben jetzt gesehen, dass viele der Probleme vor allem temporär sind: Die Mehrwertsteuer, die Lieferketten. Und zum Teil sind natürlich auch die Energiepreise temporär, da mit dem Ausbau von erneuerbaren Energien die Abhängigkeit von den Zulieferern geringer wird. Selbst wenn sich diese Preissteigerungen in wirkliche Inflation übersetzen sollten, ist das auch kein Problem. Die Inflationserwartungen der Wirtschaftsweisen liegen für dieses Jahr bei 3,1 Prozent und für das kommende Jahr bei 2,6 Prozent. Im kommenden Jahr sind das nur 0,6 Prozentpunkte über dem Inflationsziel. Eigentlich müsste Deutschland Inflationsraten im mittleren einstelligen Bereich haben, da wir jahrelang unser Inflationsziel unterschritten haben und dadurch an Wettbewerbsfähigkeit zulasten anderer Länder gewonnen haben. Dazu bräuchte man allerdings eine ordentliche Fiskalpolitik, die ein bisschen auf die Tube drückt. Das ist bei der Ampel nur in sehr geringem Maße absehbar. Solange wir nicht vom Fleck kommen, wird die EZB kaum ihre Politik ändern können.

Damit kommen wir zum Einfluss der EZB auf die Inflation. Lieber Florian, in der letzten Zeit kann man monatlich die Inflations-Panik in den Medien und in der Politik beobachten, obwohl sie eine Vielzahl von Ökonomen gegen diese Panik ausspricht. Aus konservativer Richtung hört man hauptsächlich, dass die EZB mit ihrer Geldflut und an der Preissteigerung schuld ist. Welchen Einfluss hat sie generell auf die Inflation?

Florian Kern: Also, wenn ich Geldflut lese, dann lese ich meistens was von Journalisten oder Twitter-Nutzern, die irgendeinen Chart posten, auf dem dann die Entwicklung der Notenbank-Bilanz zu erkennen ist und wo dann behauptet wird, das hätte irgendwie inflationäre Konsequenzen. Das ist aber tatsächlich nicht der Fall. Und wo kommt das her? Ja, wahrscheinlich noch aus den 90er Jahren. Damals wurden Guthaben von Banken bei der Zentralbank ja noch nicht verzinst und man hat quasi so zumindest nach Lehrbuch-Logik von damals quasi die Zinsen über die Reserven gesteuert, also über das Geld gesteuert, was die Zentralbank den Banken bereitgestellt hat. Also es wurde dann erst geschätzt, wie viel Geld wird eigentlich nachgefragt und dann wurde genauso viel Geld in den Markt gegeben, wie nachgefragt wurde oder ein bisschen mehr, ein bisschen weniger, um dann die Zinsen so zu steuern, wie man das eigentlich haben wollte. Um quasi den geldpolitisch gewünschten Effekt zu erzielen. Und hätte man damals in der Logik jetzt massiv mehr Geld zur Verfügung gestellt, dann wäre ja viel mehr Geld dagewesen, als nachgefragt wurde. Und die Zinsen waren dann eben auch quasi auf Null gefallen. So, und weil die Zinsen dann gefallen wären, hätte das einen Effekt auf die Preise gehabt. Aber eben nur, weil die Zinsen gefallen sind und nicht, weil die Banken einfach ein bisschen höhere Guthaben gehabt hätten. So, aber seit der Finanzkrise funktioniert Geldpolitik eben anders. Seit der Finanzkrise steuern die ganzen großen Zentralbanken jetzt nicht mehr die Geldmenge, sondern sie verzinsen die Guthaben der Banken bei den Zentralbanken und damit ist dann sichergestellt, dass Banken jetzt nicht sich untereinander für weniger Geld leihen, als sie bei der Zentralbank bekommen. Und ja, und dadurch wird halt der Zins viel direkter gesteuert und die Zentralbank könnte jetzt grundsätzlich auch die Zinsen erhöhen und gleichzeitig Anleihen kaufen. Das hätte dann auf den auf den Zins am Interbankenmarkt überhaupt keinen Einfluss mehr. Und deswegen haben jetzt auch höhere Notenbank-Bilanzen nicht mehr den Effekt, den es früher gehabt hätte. Und die Leute, die denken irgendwie, die Geldflut, die führe jetzt zu Inflation, die denken wahrscheinlich noch in dieser alten Logik, in der mehr Geld dann tatsächlich zu niedrigen Zinsen geführt hat. Aber das ist ja wie gesagt, heute nicht mehr der Fall.

Wie du bereits gesagt hast, setzt die EZB die Zinsen fest. Regelmäßig hört man auch, dass die EZB nun auf einmal die Zinsen anheben sollte und das vor allem aus einer Richtung, die jahrelang die Unabhängigkeit der EZB verteidigt haben. Angenommen, das würde passieren, was hätten die höheren Zinsen für Auswirkungen?

Florian Kern: Also da ist mir jetzt schon wichtig zu sagen, dass ich hier nicht unbedingt ein Problem von Konservativen oder Liberalen im Allgemeinen sehe. Also die Notenbanken weltweit sind ja jetzt wirklich keine sozialistischen Einrichtungen. Und egal wie man jetzt aktuell fragt, ob das irgendwie der Präsident der österreichischen Zentralbank ist oder die Bundesbank im Monatsbericht August. Da sprechen eigentlich alle davon, dass wir es aktuell mit einem Angebotsschock zu tun haben und dass es falsch wäre, als Reaktion darauf die Zinsen zu erhöhen. Also, die Notenbanken weltweit sind sich da eigentlich recht sicher, wie man damit umgehen sollte. Und deswegen ist es jetzt nicht ein Konflikt Konservative gegen Progressive, sondern, das ist jetzt eher ein Konflikt im Verständnis. Also ich glaube, jeder Notenbank ist es klar, dass sie jetzt nicht mit höheren Zinsen Container herbeizaubern kann, die in der Schifffahrt fehlen. Und sie kann auch nicht Putin dazu bringen, wieder genauso viel Gas wie letztes Jahr durch die Pipelines zu schicken. Das geht alles nicht. Dafür hat sie jetzt keine Möglichkeiten. Was sie jetzt tun könnte, wäre quasi mit Zinserhöhungen für Deflation und Arbeitslosigkeit in anderen Märkten zu sorgen und so dann dort die Preise zu drücken. So, aber das würde natürlich Wohlstand und Arbeitsplätze vernichten. Und wir wissen ja aus der Literatur, dass Arbeitslosigkeit und insbesondere Langzeitarbeitslosigkeit erhebliche negative Folgen hat. Natürlich sowohl auf persönlicher Ebene, also psychische Probleme, die da bleiben, das Lebensalter ist niedriger für Menschen, die mal langzeitarbeitslos waren, aber auch quasi für die Volkswirtschaft, weil Langzeitarbeitslosigkeit zum Verlust von angelernten Fähigkeiten führt und so das Potenzial-Wachstum der Volkswirtschaft senkt. Also Zinsen jetzt zu erhöhen, das wäre nicht nur grausam, es würde uns ärmer machen. Und es wird natürlich auch nicht zu Preisstabilität führen, weil die angebotsbedingten Faktoren, die wir jetzt da haben, die sind nächstes Jahr wahrscheinlich nicht mehr da, also nächstes Jahr dann die Schiffscontainer nicht noch knapper werden. Der Gaspreis wird nicht nochmal steigen, aber die Effekte, die wir jetzt mit einer Zinserhöhung holen könnten, die hätten wir ja dann erst im nächsten Jahr oder vielleicht sogar erst in anderthalb Jahren. Es gibt ja eine erhebliche Verzögerung in der Wirkung von geldpolitischen Instrumenten. So, das heißt, wir würden auch nicht Preisstabilität erreichen, sondern wir würden durch so eine Maßnahme sehr wahrscheinlich unser Preisstabilitäts-Ziel in der Zukunft verfehlen. Und genau deshalb halten Notenbanken von so einer Maßnahme jetzt auch nicht viel.

Also geht die Forderung komplett am Ziel vorbei. Im Wahlkampf hat Christian Lindner eine relativ spektakuläre Forderung ausgepackt: die Inflations-Bremse. Er meinte, jedes neue Gesetz, das zu einer Verteuerung des Alltagslebens führt, muss an anderer Stelle zur Entlastung führen. Wie bewertest du eine solche gesetzgeberische und im schlimmsten Fall im Grundgesetz verankerte Inflations-Bremse?

Florian Kern: Ich habe zum Glück noch niemanden gehört, der eine Inflations-Bremse im Grundgesetz verankern möchte. Auch von Christian Lindner, zum Glück, habe ich das noch nicht gelesen. Aber natürlich, Parlamente sollten immer vorsichtig sein, wie sie ihr Königsrecht, das Haushaltsrecht, wie sie dieses Königsrecht einschränken, also auch für zukünftige Parlamente. Aber das hat ja Christian Lindner auch nicht gefordert, wenn ich das mitbekommen habe. Sondern er hat ja gesagt: Parlamente sollten über eine Inflations-Bremse nachdenken, wenn sie quasi Maßnahmen beschließen, die zu Preiserhöhungen führen, da eben auch dann andere Maßnahmen zu beschließen, die eine entgegengesetzte Wirkung haben. Und das finde ich von der Grundtendenz her gar keine schlechte Idee. Also zumindest wäre es sehr sinnvoll, wenn das Parlament sich bei jedem Gesetz Gedanken darüber machen würde, welche Auswirkungen so ein Gesetz auf das Preisniveau hat. Also hätten wir das bei der Mehrwertsteuersenkung gemacht im letzten Jahr, dann hätten wir uns eine sehr emotional geführte Debatte in diesem Jahr erspart, weil da hätten wir uns natürlich letztes Jahr schon Gedanken gemacht, hätten gesagt: Ja, das führt jetzt 2020 zu einer niedrigeren Inflationsrate und 2021 zu einer deutlich höheren Inflationsrate. Und dann werden wir ja, könnten wir jetzt auf diesen Gesetzestext verweisen, hätten diese Effekte da schon runter geschrieben und dann hätten wir jetzt vielleicht eine entspanntere Debatte. Das wäre ja gar nicht so verkehrt. So, und auch beim Mindestlohn sollte man sich aus meiner Sicht bewusst machen, dass jetzt eine sehr deutliche Anhebung des Mindestlohns auch Effekte auf das Preisniveau hätte. So vielleicht nicht bei 12 Euro, aber bei 20 Euro wäre das ganz sicher der Fall. Und wenn man jetzt diesen Vorschlag von Lindner mal eben so auslegt, dass das Parlament sich da immer Gedanken machen muss und das auch wirklich in jeder Gesetzesbegründung reinschreibt, wie jetzt die Auswirkung auf das Preisniveau sind, dann finde ich diesen Gedanken eigentlich sehr gut.

Das ist eine sehr interessante Bewertung. Mitgehen würde ich bei dem Teil, das bei der Gesetzgebung die Erwartung über Preisveränderung niedergeschrieben werden sollen. Das würde die Qualität der Debatte deutlich erhöhen. Lindner forderte aber eher eine Bremse und sagte, dass jede Verteuerung zu einer Entlastung führen muss. Das klingt für mich schon nach einer bindenden Vorgabe und somit einer Einschränkung des Haushaltsrecht. Wir werden sehen, ob es sich im Koalitionsvertrag damit durchsetzen konnte.

Noch mal zurück zur Fiskalpolitik. Wenn man dort ordentlich aufs Gas drücken würde, drängt sich ein Zielkonflikt zwischen Inflation und Vollbeschäftigung auf. Gibt es aus deiner Sicht Bedarf an Inflation-Stabilisatoren? Zum Beispiel könnte ja eine Jobgarantie einerseits den Preisdruck durch einfacheres Recruiting hemmen und andererseits den Konjunkturzyklus durch eine automatische Ausweitung im Abschwung glätten. Was hältst du davon? Oder hast du andere Vorschläge?

Florian Kern: Vielleicht zuerst zur Jobgarantie? Also ich sage es mal so Ich habe mal in der geldpolitischen Implementierung der Zentralbank gearbeitet und da ist man jetzt eher so der Bauingenieure der Ökonomen als der Architekt. Also es geht quasi darum, wie kann ich etwas konkret umsetzen. Und Jobgarantie, das ist natürlich eine hehre Idee, ist ein guter Gedanke. Wie schaffen wir es, dass Menschen nicht arbeitslos werden, dass sie ihre Fähigkeiten nicht verlieren, dass sie dann direkt wieder im Jobmarkt genutzt werden können? Das sind alles tolle Ideen. So, aber ich frag mich dann eben wie geht es konkret? Wie stellt der Staat jetzt diese Leute ein? Was macht es mit den Menschen dort? Wie funktioniert dieser ganze Apparat? Also das sind für mich sehr viele offene Fragen und deswegen kann ich nicht sagen, ob das eine gute Idee ist. Also vielleicht, wenn das alles perfekt funktioniert, wäre das eine gute Idee. Aber ich sehe, wenn ich da drauf schaue, viele Stellschrauben, wo ich mich erst mal frage: Wie soll es genau funktionieren? Bevor ich jetzt sagen könnte: Lass‘ machen.

Also die andere Frage: Ja, was könnte man denn machen? Also wenn jetzt die Fiskalpolitik heiß läuft, um sicherzustellen, dass die Inflation jetzt nicht anzieht. Ja, da ist ja diese Idee von Christian Lindner vom Ansatz her gar keine schlechte. Also der Gesetzgeber soll sich Gedanken machen, wenn er Gesetze beschließt, die zu einer Zunahme der aggregierten  Nachfrage [Anm.: Gesamtnachfrage] führen. Dann muss er sich Gedanken machen, wie diese zusätzliche Nachfrage eben nicht zu Inflation führt. Eine Möglichkeit wäre dann zum Beispiel Steuererhöhung. Und wenn das Parlament das unterlässt, solche Maßnahmen zu unternehmen, dann ist es natürlich letztlich wieder der Job der Zentralbank mit Zinserhöhungen die Nachfrage so zu dämpfen, dass sie mittelfristig für stabile Preise sorgen kann.

Vielen Dank, lieber Florian, für deinen. Antworten. Ich glaube, dass ich auch für dich spreche, wenn ich sage, dass es gut wäre, wenn sich die Inflationsdebatte etwas abkühlt und sich mit den Preisveränderung etwas detaillierter auseinandergesetzt wird. Besonders lustig sind dabei vor allem die Bitcoiner, die nun herausrufen: Wir haben es doch schon immer gesagt!

Über den Sinn und Unsinn bei Kryptowährungen, vor allem in der Inflations-Debatte, werden wir hier in nächster Zeit auch mal sicher besprechen. Bis dahin wünsche ich euch eine gute Woche, bis zum nächsten Mal bei den Wirtschaftsfragen.

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